Mit entdecken!

Das Stadtbad hat fröhliche Hallenser erlebt und stürmische Zeiten. Aufregende Wettkämpfe und kreative Bauherren. Zaghafte Schwimmanfänger und erfolgreiche Spitzensportler. Begleiten Sie uns auf einer Zeitreise!

Inspirierende Architektur

Mit Entdecken!

1907 beschloss Halles Stadtrat, zur Verbesserung der allgemeinen hygienischen Bedingungen und zur Förderung des öffentlichen Gesundheitswesens eine neue Schwimm- und Badeanstalt zu bauen.

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1911 scheiterte der Hauptentwurf zunächst an zu hohen Unterhaltungskosten. Dass das Stadtbad am 16. Februar 1916 doch eröffnet werden konnte, war vor allem Halles legendärem Stadtbaurat Wilhelm Jost (1874 – 1944) zu verdanken.

Er überarbeitete 1913 die vorliegenden Pläne, konzipierte und rechnete neu. Jost schlug vor, das Bad mit der überschüssigen Wärme des Gaswerkes zu heizen. Mit dieser innovativen Idee machte der Stadtbaurat sich den Vorläufer der heutigen Fernwärme nutzbar. Im Inneren auf reibungslose Funktionalität ausgerichtet, ordnet sich das Bad äußerlich in das weite Spektrum der Reformarchitektur 1 ein.

Im neuen Bad – übrigens das erste in Deutschland, das über eine 25-Meter-Bahn verfügte – gab es neben den zwei großen Schwimmbecken auch ein römisch-irisches Bad sowie Brause- und zwei Wannenbadabteilungen. Beim Entwurf ließ sich Jost von unterschiedlichen Epochen und Baustilen inspirieren und mischte deren Einflüsse.

So erinnert die ovale Frauenhalle an orientalische Thermen. Hinzu kommen das Dekor verschiedenfarbig gekachelter Innenräume sowie plastischer Schmuck an den Fassaden. Das Eingangsportal wird von den mythologischen Wassergestalten Triton und Nereide flankiert. Sie verweisen als Personifizierung des Meeres bereits beim Betreten des Gebäudes auf seine Funktion.

Martin Knauthe entwarf den über dem Eingang befindlichen Uhrenerker. Der die gesamte Baugruppe überragende Turm erinnert an den des alten Rathauses und die Hausmannstürme der Marktkirche. Sein eigentlicher Zweck war der eines Wasserturms, als Ausgleichsbehälter regulierte er den Wasserdruck im Bad.

Vitale Badekultur

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„Im Sommer badet man in der Saale und im Winter badet man überhaupt nicht!“
Ende des 19. Jahrhunderts vorherrschende Meinung in der halleschen Bürgerschaft und Stadtverordnetenversammlung 2

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Das änderte sich Schritt für Schritt mit der stetigen Entwicklung der Industrie- und Universitätsstadt Halle. Das Bedürfnis, auch im Winterhalbjahr ein Bad nehmen zu können, wuchs. Zudem sollten die hygienischen Bedingungen in Anbetracht der noch im 19. Jahrhundert vorkommenden Cholera- und Typhusepidemien verbessert werden.

  • 1910 hatten nur 13 Prozent der halleschen Wohnungen ein Bad. 1913 gab es in Halle zwar insgesamt 16 private Badeanstalten, darunter sieben Fluss- und drei Solebäder, aber die Eintrittspreise waren für die ärmere Bevölkerung oft unerschwinglich. 3
  • Im Eröffnungsjahr 1916 zählte das Stadtbad 131.029 Schwimmer und 83.089 Badebesucher *. Zehn Jahre später waren es schon 262.881 Schwimmer und 207.313 Badebesucher 4. In den 1930er Jahren wurden zusätzlich auch Kneipp’sche Anwendungen angeboten. Während des Zweiten Weltkrieges blieb das Bad trotz dezimierter Belegschaft geöffnet.
  • Ab den 1950er Jahren wurde es eng im Stadtbad. Die Hauptzeiten standen nun Vereinen und dem Lehrbetrieb zur Verfügung, der Bevölkerung kaum noch. Die Nutzung der Wannen- und Brausebäder nahm kontinuierlich ab, da viele Wohnungen inzwischen über eigene Bäder verfügten.
  • Ab 1957 wurde das Stadtbad schrittweise umgebaut, oftmals nicht mit Rücksicht auf die historischen Gebäude. So erhielt beispielsweise das lichtdurchflutende Gewölbe der Männerschwimmhalle ein Wellblechdach.
  • In den 1970er Jahren wurde die Rabitzdecke in der Männerhalle abgerissen, die in der Frauenhalle dagegen Mitte der 1980er saniert. Anfang der 1980er Jahre wurde die Wannenabteilung verkleinert und einer neuen Bestimmung übergeben – einem Lehrbetrieb für Friseure. Die Duschabteilung schloss 1988 wegen Baufälligkeit.

Städtischer Gemeinsinn

© Stadtarchiv Halle (Saale)

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„Öffne dich nun du weites Haus mit deinen lichten Hallen und spende Gesundheit, Kraft und Lebensfreude den Unzähligen, die dich suchen werden.“ 5
Robert Richard Rive

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Zu seiner Eröffnung 1916 gehörte das Bad zu einem der größten in Deutschland überhaupt. Und gab der Schwimmbewegung in Halle und von hier ausgehend einen großen Auftrieb.

In 100 Jahren lernten hier ganze Generationen von Schulkindern das Schwimmen. Spitzensportler wie die erste DDR-Schwimmweltrekordlerin Karin Bayer oder auch Falk Hoffmann, Olympiasieger im Turmspringen 1980, begannen ihre Erfolgslaufbahn im Stadtbad Halle.

Hinzu kamen eine Vielzahl Gesundheitsangebote, besondere Veranstaltungen, Unterhaltung und Freizeitspaß. Immer dem jeweiligen Zeitgeist entsprechend.

Um nur einige Beispiele zu nennen:

  • 1934 fand hier die Deutsche Hallenmeisterschaft im Kunstspringen statt.
  • 1961 suchte die Springerschule des SC Chemie Halle unterstützt von ehemaligen Meisterschwimmern Jochen Scheffel, Rolf Sperling und Ilse Strümpel Talente unter 300 Kindern.
  • 1993 gab es ein volles Haus bei einer Pool-Party mit Bade- und Tanzmarathon.
  • Und 2014 inspirierte das Thema Wasser Kreative aus 41 Ländern, der Verein Designpreis Halle (Saale) vergab den Internationalen „Designpreis Halle 2014“ im Stadtbad.

Heute trainieren über 20 Vereine im Stadtbad. Zu ihnen gehören unter anderem der SV Halle e.V., die DRK Wasserwacht Halle, der USV Halle e. V. oder auch der DLRG Halle-Saalekreis e. V.

Ein Ort für Morgen

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Das Stadtbad ist ein Treffpunkt für jeden, egal ob jung oder alt. Wollen auch Sie sich engagieren?

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Das hallesche Stadtbad reiht sich ein in die berühmten Volks- und Stadtbäder ihrer Zeit. Errichtet zu Beginn des 20. Jahrhunderts von aufgeklärten Politikern und Architekten als Stätten des sozialen Fortschritts, sind die Bäder inzwischen Kulturgut von europäischem Rang. Sie standen damals bewusst den sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen offen und setzten neue Standards in der Sozialpolitik, der Volkshygiene und Volksgesundheit. 6

Heute stehen neue Aspekte im Mittelpunkt von Diskussionen: Wie motivieren wir Kinder und Jugendliche, den Computer für eine Schwimmstunde zu verlassen, um ihre körperliche Leistungsfähigkeit zu erhalten? Was tun wir gegen die steigende Zahl der Nichtschwimmer und die damit einhergehenden zunehmenden Schwimmunfälle? Wie erhalten wir uns im Alter möglichst lange gesund?

Damit das dauerhaft so bleiben kann, hat sich aus einer Interessengemeinschaft aus Vereinen, Initiativen sowie einzelner Bürgerinnen und Bürger der Förderverein Zukunft Stadtbad Halle (Saale) e. V. gegründet. Sein Ziel ist der Erhalt des Stadtbades im Wechselspiel von Baudenkmal und Neunutzung. Machen Sie mit? www.zukunftstadtbadhalle.de

 

1) „Gebaut habe ich genug“, Wilhelm Jost als Stadtbaurat in Halle an der Saale (1912 – 1939), Mathias Homagk, Hasenverlag Halle 2012

2) Rive, Richard Robert: Lebenserinnerungen eines deutschen Oberbürgermeisters. Stuttgart: 1960.

3) „Gebaut habe ich genug“, Wilhelm Jost als Stadtbaurat in Halle an der Saale (1912 – 1939), Mathias Homagk, Seite 21 ff., Hasenverlag Halle 2012

4) Mitteldeutsche Nationalzeitung Nr. 44, 14.02.1941

* Badebesucher sind Besucher der Wannenabteilung

5) Richard Robert Rive: Lebenserinnerungen eines deutschen Oberbürgermeisters. Kohlhammer, Stuttgart 1960.

6) „100 Jahre Stadtbad Halle – Europäisches Kulturdenkmal und aktive Sportstätte“, Tagungskonzept des Fördervereins Stadtbad Halle e.V., Halle, Oktober 2015